Kurz mal zum Polarkreis...
August 2012



Wie die Zeit vergeht...Vor 15 Jahren, als das Internet noch in den Kinderschuhen stecket und eher was für Computerfuzzis war, plante ich einen meiner erstern Mopetripps nach Norden, und fand mehr oder weniger zufällig die Einladung eines Motorradclubs aus dem Norden Schwedens [kurz vor'm Polarkreis] zur 15-Jahres-Party online. - Der Rest ist Geschichte. Aus dem einen Trip sind inzwischen viele geworden und die Leute die ich da besucht habe zählen schon längst zu meinen guten Freunden. 15 Jahre später, flatterte die Einladung zu ihrer 30-Jahres-Party ins Haus. - "Noch Fragen...?!"

Wir machten uns zu zweit an einem sehr frühen Mittwoch morgen im August auf die Socken. Der Plan: Mittwoch los, Freitag da. Sonntag los, Dienstag wieder hier. Was gibt es Beschisseneres als so eine Tour gleich in Regenklamotten zu starten? Heftiger Regen auf den ersten 250km. Ich glaube ich habe nach 20km davon bereits die Entscheidung verflucht, mit Jethelm und Klappvisir zu fahren. Cooler hin, cooler her...auf so einem Trip sollte man sich wohl überlegen mit welcher Klamotte man fährt. Wir hatten 4.500km vor uns, und mit dem Klappvisir-Dreck mußte ich nun eben leben.

Kurz vor der Küste wurde das Wetter dann besser. Die Fähre nahmen wir wie immer von Puttgarden nach Rødby, gefolgt von einem Stück durch Dänemark um dann die Fähre von Helingør nach Helsingborg in Schweden zu nehmen. - Ich fahre sonst nie mit Ohrenstöpseln, der Geräuschkulisse wegen, wollte das aber mal ausprobieren und drückte mir bei der Abfahrt von der Fähre in Rødby zwei Stöpsel in die Ohren. Ich fand's echt ätzend, weil ich nur noch meine zischende hintere Krümmerdichtung gehört habe, und beschloss auf der nächsten Raste die Dinger wieder zu entsorgen. Kurz vor Kopenhagen, die Autobahn ging leicht bergan und das Zwitschern meiner Krümmerdichtung wurde entsprechend stärker, fing der Shovel plötzlich an zu Rucken. Nur ein Mal. Dann war wieder alles gut. Während ich mir noch Gedanken machte was das wohl war..Sprit kann's nicht sein..der nächste "Ruckler". Ähnlich dem, wenn der Sprit zur Neige geht, lief aber sofort 1a weiter. Zufällig kachelten wir gerade auf eine Parkplatzabfahrt zu. Also drauf da, Motor aus und ausrollen. Erster Gedanke: "Scheisse!" zweiter Gedanke:"Hoffentlich war das nicht die Kopfdichtung und Du hast's nur nicht richtig wahrgenommen, wegen der scheiss Ohrenstöpsel". Optisch war alles in Butter. Also erstmal Krümmerschraube nachziehen und checken. Der Motor sprang mit dem ersten Kick wieder an und die Krümmerdichtung gab keinen Ton mehr von sich. - "Trotzdem sehr seltsam...Wo kam der Aussetzer her?!?" Während ich so neben dem Bike hockte und mir meine Gedanken machte, fiel mir eine Mutter auf, die zwischen den Lifterblöcken rumlag. "Wo kommt die denn her??" Nach kurzer Suche war die Herkunft gefunden. Die Vergaserabstützung am Luftfilter. Und von den zwei Schrauben, die von innen im Luftfilter sitzen und ihn mit den Stützstreben verbinden, war nur noch eine da! War das die Ursache für den Aussetzer? War die Schraube etwa in den Motor marschiert!? Leichtes Entsetzen machte sich breit und der miese Gedanke bereits in Dänemark das Ende der Tour erreicht zu haben. - Erstmal ruhig Blut und gucken was Sache ist. Also Luftfilter runter und siehe da..drin lag die Schraube. Allerdings nicht die dazugehörige Unterlegscheibe! Ich habe alles abgesucht aber die scheiss Scheibe nirgends finden können. - "Was tun? Köpfe runter? Hier? Auf'm Parkplatz? Oder Kumpels in Malmö anrufen und abholen lassen?" Egal wie, wir hätten es nicht geschafft bis freitags im Norden Schwedens zu sein, wenn ich den Motor hätte zerlegen müssen. Und es war ja gar nicht sicher ob die Scheibe da überhaupt drin war. Was natürlich das Rucken erklären würde. - Während wir also die Möglichkeiten checkten und die Tour schon so gut wie abgehakt hatten, leuchtete ich ein weiteres Mal mit der Taschenlampe in den Vergaser ... und dachte ich werd verrückt! Da lag die Unterlegscheibe! Direkt am Einlass des vorderen Kopfes, gestoppt von der Nase, die die S&S Köpfe zur Gemischverwirbelung haben! - Unglaubliches Glück. Mit zittriger Hand hab ich sie dann mit einem Draht rausgefischt. Sie sah nicht mehr und nicht weniger mitgenommen aus als die Scheibe an der anderen Stützstrebe, von daher blieb die Hoffnung das sie nicht schon mal im Inneren des Motors war und wieder ausgespuckt wurde. - DANKE S&S für den integrierten Unterlegscheibenstopper! :-) Das hätte ganz übel enden können

Die Tour war gerettet und ich glaube ich hatte für den Rest des Tages ein in Stein gemeißeltes Grinsen im Gesicht.

Also weiter über Kopenhagen, Helsingør nach Helsingborg. Wenn man dann nach knappen 600km in Helsingborg ist und sich vor Augen hält das die Tour jetzt eigentlich erst losgeht, ist das schon hart. Nun denn... Wettertechnisch hatten wir halbwegs Glück. Wir fuhren meistens hinter dem Regen auf halbtrockener Strasse nach. Wenigstens konnte das Klappvisir die meiste Zeit über in der Tasche bleiben. Klappvisir und ich werden keine Freunde mehr. Das Ziel war diesmal nicht der Weg, sondern eine kleine Stadt im Norden, darum ging's auch nur darum so viele Kilometer wie möglich zu schruppen. Und das geht in Schweden am Besten in dem man stumpf die E4 lang nagelt. Wir sind an dem Tag knappe 950km gefahren und haben uns in Linköping auf einem Campingplatz eine Hütte gemietet. Noch ein kurzer Abstecher zur Burgerhölle und ab ins Bettchen.
Am nächsten Morgen [Donnerstag] gab's schwedisches Campingplatzfrühstück "DeLuxe" bevor wir uns wieder auf die Böcke schwangen. Das Wetter war bestens und die Laune in Vorfreude die alten Gesichter wieder zu sehen, ebenfalls. Fahren, tanken, pinkeln, weiter fahren. Damit kann man den Tag schon ganz gut rumkriegen.
1.050km sind ungefähr von Linköping bis ins nordschwedische Piteå, wo wir abends um 23 Uhr noch mal tankten um die restlichen 200km als Endspurt einzuläuten. Zeit die Regenklamotten anzuziehen. Nicht weil's geregnet hat, aber weil's arschkalt war...und kurz danach eh anfing zu regnen. - Auf irgendeinem Tankstopp vorher, es muß wohl so gegen 19 Uhr gewesen sein, haben wir drüber geredet wie weit wir an dem Tag noch fahren wollen. Nach kurzer Überlegung kamen wir dann drauf, daß es "nur noch 600km sind", die jetzt dann auch noch eben fahren konnten. - Die Relationen verschwimmen auf so einer Tour "etwas". Nach etwas über 1.200km auf dem Tageskilometerzähler erreichten wir dann unser Ziel. Voll platt, aber glücklich. Und wenn einem dann die "alten Schweden" mit breitem Grinsen aus dem Clubhaus entgegen kommen, und man die Jungs wieder trifft, dann war's jeden Kilometer wert!

Übrigens wird's da oben um die Jahreszeit nicht wirklich dunkel. Die Bilder vom "Ankommen" sind irgendwann gegen 01:30 nachts entstanden.
Die Nacht war entsprechend noch kürzer. Wir hatten ja aber das "ganze Wochenende" um mal so richtig auszuspannen. Zwei Tage Party lagen vor uns. Freunde treffen, Benzin und Unsinn quatschen, Spaß haben. Das Wetter spielte halbwegs mit. Nachts war's mit +5°C etwas frisch im Zelt. Aber nun ja, immerhin war's PLUS 5°C.
Was die Mopets angeht, mit denen die Jungs da oben unterwegs sind, so schwindet die Alteisenquote von Jahr zu Jahr. Auch die klassischen Schwedenchopper, egal mit welchem Motor befeuert, werden weniger. Ganz oben auf der Liste stehen Touringmodelle der Company. Mit Stereo und möglichst zwei Antennen. Nun ja...spricht man mit den Jungs, kann man's irgendwie verstehen. Denn egal wo sie auch hinfahren, unter 300km je Richtung geht da nicht viel. "Been there, done that, got the T-Shirt". Sind halt "alte Schweden".

Wer hat an der Uhr gedreht? Schon war's Sonntag, und somit Zeit sich wieder auf die Socken zu machen. Ab nach Hause. Nach knappen 50km fing's zum Glück wieder stark an zu regnen. - Wär ja auch langweilig sonst. Also, Klappvisir dran, Regenklamotte an und Abfahrt. Fahren, Tanken, Pinkeln, Fahren. - Altbewährte Taktik.

Wenn man dann den ganzen Tag so stumpfsinnig durch sein zerkratztes Kappvisir stiert und versucht die Strasse in der Gischt der vorausfahrenden Autos zu erkennen, stellt sich einem zwangsläufig die Frage: "Warum fahre ich nicht mal nach Italien?" - Aber noch bevor ich mich da zu sehr in Gedanken verlieren konnte, wurde ich ziemlich schnell wachgerüttelt, denn auf der Gegenfahrspur kam uns plötzlich ein Volvo-Kombi entgegen ... auf dem Dach.
Also voll in die Eisen, Karre abgestellt und rüber über die Leitplanke um zu helfen. Man, da geht einem echt irgendwie die Düse und alle möglichen Gedanken schiessen durch den Kopf, was einen da wohl erwartet. Kinder schriehen, mehr hab ich nicht wahrgenommen. Zusammen mit zwei anderen Autofahrern die angehalten hatten haben wir erstmal eine Tür des voll zerdellten Autos aufgezerrt. Gott sei Dank kamen dann schon die Kids rausgeklettert. Komplett unverletzt.Der Fahrer hing kopfüber in seinem Sitz, völlig panisch versuchte er seinen Gurt zu lösen. Aber wenn 80kg im Gutschloss hängen, öffnet das nicht. Ich habe sonst eher selten ein Taschenmesser dabei...fragt mich warum...ich hatte es am morgen aus meiner Werkzeugtasche in meine Jackentasche gesteckt. Sollte wohl so sein. Nachdem ich ihm dann erklärt habe was los ist, hat er sich damit losgeschnitten, so das wir ihn aus seiner Karre ziehen konnten. - Bis auf einen Schnitt am Arm (nicht durch mein Messer...) unverletzt. - Glück gehabt.
Da inzwischen genug Zeugen und Helfer vor Ort waren und sind wir abgezischt. Ich hätte eh keine Aussage machen können, hab ja durch mein Klappvisir nix gesehen. :-)

Weiter ging's bis nach Söderköping, wo wir uns wieder auf einem Campingplatz einquartieren wollten. Der war allerdings voll. Und dort in der Rezeption, habe einen der dämlichsten Typen getroffen, die ich bisher treffen durfte. Ich stand in Regenklamotten, dreckig und beschissen, mit Helm unterm Arm vor ihm und fragte nach einer Hütte. "Sind Sie mit dem Wohnmobile hier?" ... "Ähh?? Nein, mit dem Motorrad"..."Brauchen Sie einen Stellplatz mit Stromanschluss?" ... "Wir sind mit dem Motorrad hier und hätten gerne eine Hütte. Zeltplatz wär auch ok." ... "Brauchen Sie Strom?" ... "Nein, brauchen wir nicht. Wenn die Hütte Licht hätte, wär das gut, muß aber nicht." ..."Unser Zeltplätze haben keine Stromanschlüsse." ... "Ok. Danke. Haben Sie noch Hütten frei?" ... "Nein. Leider nicht. Aber ich kann mal nachfragen, ob unser Nachbar noch was frei hat." .. "Ja bitte..." Wir sind dann also beim Nachbarn gelandet. Etwas seltsames Anwesen, aber eine nette Hütte, mit Strom. Den Sonntag Abend haben wir dann mit einer miesen Pizza beim örtlichen Pakistani ausklingen lassen.

Wir wollten die Rückfahrt etwas entspannter angehen und nicht wieder die gesamte Distanz in zwei Tagen abreißen. Daher planten wir einen Zwischenstopp von Montag auf Dienstag bei Freunden in Malmö. Gesagt getan, auf nach Malmö. Natürlich setzte, wie sollte es auch anders sein, kurz nach der Abfahrt wieder Regen ein. Der nächste Tankstopp war eh nicht mehr so weit, also haben wir uns erstmal nassregnen lassen bis wir die Regenpellen übergezogen haben. Südlich von Stockholm löste dann starker Wind von vorne den Regen ab. Supa.

So segelten wir also weiter nach Süden. Tanken, Pin..Ihr wisst schon. In der Nähe der südschwedischen Stadt Ljungby gibt es eine Gedenkstätte für Cliff Burton, den ehemaligen Metallica-Bassisten, der bei einem Tourbusunfall in den 80ern dort um's Leben kam. Ich war früher schon mal an der Stelle, wollte im vergangenen Jahr schon mal wieder hin, hab's aber schlicht und ergreifend nicht mehr gefunden. - Liegt etwas versteckt. Diesmal waren wir aber besser vorbereitet und haben die Stelle nach mehr oder weniger kurzer Suche gefunden. Falls Ihr Euch da auch mal rumtreibt, Infos zur Gedenkstätte findet Ihr hier: www.cliffinourminds.com.

Tjoa..so neigte sich ein weiterer Fahrtag dem Ende entgegen. Und zwar mit einem Sonnenuntergang der einen den ganzen "Kalt,Regen,Kacke-Scheiss" vergessen ließ. So'n glutroter Sonnenuntergang, der lange Schatten wirft, man seinen Schatten beim Fahren sehen kann und einfach nur denkt "Gut das ich gefahren bin."

Dienstag dann der Endspurt von Malmö zurück nach Hause. Ohne besondere Vorkommnisse. Nur der TwinCam hat sich überlegt ob er nicht auch vielleicht mal ein Shovel wird, wenn er groß ist.

5 Fahrtage, 4.400km
Eine defekte Glübirne, ein beinahe Motorschaden
Jede Menge Spaß!

RIDE HARD!